Axiomatik



Komplexität und ihre Bewältigung durch die Praktiken

Die Praktiken der Menschen sind immer - mehr oder weniger und meist ungleichmäßig - in Aktion. Wahrnehmen, Denken und Handeln können nicht ausgeschaltet werden, aber sie lassen sich Fokussieren und auf Aufgaben konzentrieren. Diese Auswahl und Prämierung einzelner Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsaktivitäten ist eine beständige Aufgabe für die Praktiker in der Praxis. Sie erzeugt eine eigene (dritte) Dynamik in der Praxis. Immer gibt es mehrere Aufgaben und Aktivitätsarten. Deren Koordination ist ein weiteres permanentes Problem.

Auf der Suche nach dem gemeinsamen Dritten aller Aktivitäten und Aktivitätsarten der Praktiker schlägt der Triadiker die Komplexitätsbewältigung vor. Jede Zurichtung der Praktiken geschieht unter dem Gesichtspunkt der Komplexitätsbewältigung.

Das NTD gibt sich nicht mit einer notwendig offenen Liste von Aktivitäten, die in den vielen Fällen der Praxis auftauchen, zufrieden. Es trifft vielmehr eine Unterscheidung zwischen solchen Aktivitäten, die in jeder Praxis auftauchen und solchen, die nur in einzelne Praxisarten und konkreten Fällen auftauchen.

Aus der wechselseitigen Abhängigkeit der Trias Transformieren, Interagieren, Komplexitätsbewältigung (Aktivieren der Praktiken) ergibt sich, daß jedes Interagieren und Transformieren auch als Komplexitätsbewältigung und diese als Transformieren und Beziehungsherstellung interpretiert werden kann.

Komplexität als Voraussetzung triadischer Praxis

Triadische Praxis hat einen hohen Grad an Komplexität der Aufgaben und Objekte zur Voraussetzung. Sie verlangt auch von den Praktikern, den Subjekten der Praxis, komplexe Sinne und Fähigkeiten.
Solange lineare Kausalitäten, dualistische Logiken, gewohnheitsmäßige Routinen zum Ziel führen, besteht keine Notwendigkeit, triadische Grundannahmen/Axiome, Programme und Modelle/Triaden einzusetzen, die immer einen erheblichen Aufwand Energien und an Datenmengen mit sich bringen.
Es gilt die Regel: Steuere die Praxis durch triadische Modelle - wenn denn einfachere Formen der Komplexitätsbewältigung nicht befriedigen!

In der Praxis bewältigen die komplexen Subjekte die mannigfaltigen Phänomene der Welt auf mannigfaltige Weise. Jede Praxis ist Komplexitätsbewältigung. Sie erfolgt in der individuellen menschlichen Praxis durch die Aktivierung der drei Praktiken. In den anderen Klassen der Praxis werden funktionale Äquivalente aktiviert.

Was immer Wahrnehmen, Denken und Handeln sonst noch für Funkionen erfüllen mögen, immer dienen sie den Menschen dazu, die Komplexität der Welt zu bewältigen. Dies geht nur durch die unterschiedlichen Emergenzformen der Praktiken in und durch die Praxis. Sobald die Umwelt zum Ziel der Praktiken wird, erscheint sie den Praktikern als komplexes Objekt. Jede Praxis muß mit der Komplexität der Dinge, Prozesse und Räume irgendwie umgehen.


Das NTD reduziert die Komplexitätsbewältigung nicht auf das Denken und dessen Äquivalente in der sozialen und kulturellen Praxis, die Informationsverarbeitung. Auch in der Informationsgewinnung und im Handeln muß mit der Komplexität der Dinge umgegangen werden. Aber meist findet längerfristig eine Konzentration auf eine Praktik statt. Je nach der prämierten Praktik gibt es auch Prämierungen der Komplexitätsbewältigung. Die Programme der anderen Komplexitätsbewältigungsprogramme laufen weiter, führen aber nicht.

Als Alexander auf seinem Feldzug gegen die Perser in das Städtchen Gordion kam, wurde er zu einem Karren geführt, dessen Geschirr ein Knoten zusammenhielt, der von niemanden bislang gelöst werden konnte. Wem es gelingen sollte, diese komplexe Aufgabe zu lösen, der sollte, der Rede nach, ein Reich erobern. Alexander wird sich den Knoten angeschaut haben, überlegt, wie er ihn aufdröseln kann. Seine Vorgänger werden nach den Vorstellungen, wie die Schnüre zusammenhängen, zu probeweisen Handeln übergegangen sein. Ihre Praxis wird durch mehr oder weniger ausgebildete Modelle über den Knoten, also durch die Praktik Denken i.w.S. gelenkt. Alexander andererseits prämiert das Handeln, zieht sein Schwert und zerteilt den Knoten. Das Primat der Tat, Komplexitätsbewältigung durch Handeln kennzeichnet seine Persönlichkeit durchgängig, mit all den Nachteilen, die ihn immer wieder zu einer Praxis führen, die seine Zeitgenossen und Chronisten, impulsiv, jähzornig, unberechenbar o.ä. nennen. Natürlich hat Alexander den Knoten auch wahrgenommen und daraus Schlüsse gezogen, aber damit hat er sich nicht lange aufgehalten, das Leitprogramm ist das Handeln.

Der Komplexitätsbegriff des NTD

Die Mannigfaltigkeit der Welt erscheint den Menschen/Triadikern in jeder Klasse der Praxis als Komplexität und diese als Vielzahl (Quantität) von Komponenten mit unterschiedlichen Qualitäten.
Es gilt die abstrakte Komplexitätstriade: Quantität, Qualität, Komposition.

Komplexität

Jede Praxis hat es sowohl mit Quantitäten, als auch mit Qualitäten und Kompositionen zu tun.Die Komplexitätsbewältigung bezieht sich auf alle drei Dimensionen der abstrakten Komplexitätstriade - und entsprechend sind drei ganz unterschiedliche Programme einzusetzen:
Programme der Bewältigung

Triadische Komplexitätsbewältigung

Das NTD kennzeichnet der besondere, triadische Umgang mit der Komplexität. Es werden drei Möglichkeiten der Bewältigung von Komplexität unterschieden: Man kann sie steigern, vermindern oder erhalten. In der Praxis wirken die drei Formen mit unterschiedlichen Anteilen zusammen.
Es gilt die Regel: Behandele das Denken und die Praxis überhaupt als Umgang mit Komplexität und verstehe Komplexitätsbewältigung als das emergente Produkt von Steigern (Induktion), Vermindern (Reduktion) und Erhalten (Konservieren) der Komplexität von Objekten! (Abstraktes Basisprogramm für den Umgang mit Komplexität - InReko-Triade)
→Komplexitätsbewältigung

Komplexitätsreduktion und -induktion sowie das Bemühen, die Komplexität - trotz des unabweisbaren Wandels der Dinge - konstant zu halten, sind gleichwertige und gleichwichtige Prozesse des NTD!
Dies richtet sich klarerweise gegen ein ausschließliches Verständnis von Wahrnehmen, Denken und Handeln als Komplexitätsreduktion, wie es für die meisten Systemtheorien tragend ist.

Komplexitätsbewältigung

Die vermutlich mächtigste Form der sozialen Komplexitätsreduktion in den neuzeitlichen Demokratien ist die Unterstellung der Gleichheit der Individuen.
Gleichheit dient als Programm der Komplexitätsreduktion und als Konstruktionsprinzip der sozialen Welt, also auch der Klasse der sozialen Praxis. Auch die Soziologie als Wissenschaft von der sozialen Welt hängt von der Annahme homogener, eben 'sozialer' Objekte ab. Aber das sind Normen, ein Sollen. In der Praxis gilt Goethes Satz:
Der Mensch ist ungleich und ungleich sind die Stunden.

Prämieren und Hierarchisieren

Jede Praxis hat es mit begrenzten Ressourcen zutun und muß Prämieren.
Jede Praxis erfordert irgendwann regelmäßig selektive Entscheidungen, d.h. eine begrenzte Auswahl aus vielen, oftmals aus unbegrenzten Möglichkeiten. Letztlich liegen die Gründe für den Selektionsdruck in den begrenzten Ressourcen von Menschen und sozialen Systemen, sowohl was die Aufmerksamkeit als auch was die Verarbeitungskapazitäten und Handlungsmöglichkeiten angeht.
Diese Auswahl wird immer durch die gesammelten Daten, auch durch Programme bzw. Modelle gesteuert, die sich in der - individuellen, sozialen oder gattungsgeschichtlichen - Erfahrung angesammelt haben.
Jede Selektion ist eine normative Entscheidung, die durch Werte gesteuert wird.


Die Praktiken sind immer selektiv. Der Praktiker muß in seinem Wahrnehmen fokussieren und Phänomene ausblenden. Im Denken konzentriert es sich auf bestimmte Objekte und Programme und vernachlässigt andere. Ebenso wählt jedes Handeln aus. Das gleiche gilt auch für jede sozial-kommunikative Praxis, Themen/Agenden müssen gesetzt und Ziele ausgewählt werden. Alle ökologische Praxis ist so komplex, daß immer nur die Wechselwirkung zwischen wenigen Faktoren beobachtet und beeinflußt werden kann. Da die Praxis in der Zeit abläuft gibt es immer ein Vorher, Jetzt und Nachher. Was zuerst kommt, hat einen anderen Rang als das Spätere. Linearisieren ist in jeder Praxis notwendig zur Prozeßgestaltung. Und jede Linearisierung kann auch als Hierarchisieren aufgefaßt werden. Jeder Anfang hat Konsequenzen für Nachfolgendes. Jede Komplexitätsbewältigung schafft Rangordnungen.

Wir bezeichnen diese Auswahl als Prämierung. Auch bei jeder Anwendung einer bestimmten Triade haben wir es mit Prämierungen zu tun, weil sich die einzelnen Faktoren nicht gleichgewichtig zur Geltung bringen lassen.
Es gilt die Regel: Achte auf Prämierungen!
Das NTD interpretiert das Prinzip der begrenzten Ressourcen neu, indem es dieses in spezifischer Weise auf unser Wahrnehmen, Denken und Handeln anwendet und dazu auffordert, grundsätzlich jeweils nur drei Faktoren bzw. Dimensionen zu berücksichtigen. Das Niveau triadischer Praxis wird unterschritten, wenn wir bloß binär klassifizieren, nach Entweder-oder-Entscheidungen suchen. Es wird überschritten, wenn wir mehr als drei Faktoren und mehr als drei Ebenen zum Programm bzw. zum Ziel der Modellbildung wählen.
Es gilt die Regel: Reduziere die Komplexität der Praxis auf jeweils drei Faktoren und beachte ihre Komposition!
Jede Praxis wird so - auf einer ersten Ebene - zum Ausbalancieren von drei Faktoren. Soll mehr Komplexität bewältigt werden, könne auch die drei Basisfaktoren nochmals triadisch komponiert werden.
Es entstehen Triadentrias. → Triadentrias

Ein Ergebnis der Anwendung dieser Regel auf die Praxis ist ihre Differenzierung durch die Unterscheidung der drei Praktiken Wahrnehmen, Denken und Handeln.

Sie kann als erster Schritt einer Komplexitätsbewältigung angesehen werden. Die Dreiteilung erhöht die Komplexität, insofern nun drei verschiedene Prozesse zu steuern und drei Produkte zu kombinieren sind. Sie vermindert die Komplexität, indem nun nacheinander zunächst das eine Programm - der eine Prozeß - und danach die anderen Programme abgearbeitet werden können. Sie erhält die Komplexität, wenn die Praxis als Grundeinheit, als emergentes Objekt und die Wahrnehmung und das Denken und Handeln als Faktoren einer Triade definiert und gestaltet werden.

Selektionskriterien für triadische Beschreibungen der Praxis

Wenn denn Komplexitätsreduktion und Prämierungen unausweichlich sind, kommt den Selektions- und Bewertungskriterien besondere Bedeutung zu. Im NTD sind dies triadische Axiome, Modelle und Programme. Jede Selektion ist eine normative Entscheidung, die durch Werte gesteuert wird. Das NTD behandelt die Axiome als Werte, die die Modellbildung und die Programme steuern. Es gilt die Rangfolge der Abstraktion der Informationen: Daten, Programme/Modelle, Werte/Axiome.

Information

Typisieren und Klassifizieren

Typisierungen als Voraussetzung der Wiederholung spezifischer Praktiken

Menschen kommen in ihrer Praxis nicht umhin, die mannigfaltigen Phänomene, Objekt und Gegenstände zu ordnen. Sie suchen zu den konkreten Exemplaren Begriffe oder Vorstellungen - wie vage auch immer. Nur so können sie vorhandene Programme und Modelle im Einzelfall anwenden. Jedes triadisches Modell ist insofern ein Typ.
Die Typisierung beschränkt sich nicht auf die Objekte, es finden permanent auch Selbsttypisierungen der Praktiker statt. Die Stabilisierung solcher Typisierungen sind eine Voraussetzung von Identitätsbildung
Es gilt die Regel: Kläre die Typisierungen der Subjekt, Objekte und Relationen der Praxissysteme, in denen Du Dich befindest!
Auch soziale und kulturelle Systeme prämieren in ihren Selbstbeschreibungen eine einzelne oder doch wenige Dimensionen der Praxis. Fabriken prämieren die Güterproduktion, Anwaltskanzleien juristische Dienstleistungen, Forschungssysteme Erkenntnisse usf. - obwohl eine Vielzahl weiterer Komponenten und Funktionen praxisleitend sind.
Werden Typen untereinander in Beziehung gesetzt entstehen Klassifikationen. Die Typen erhalten dann einen Rang und können etwa als Artmodell unter Klassenmodellen subsummiert werden. Das Typisieren findet sowohl in der Wahrnehmung als auch im Handeln statt - und im Denken gewinnt es besondere Bedeutung. Es ist ein mächtiges Werkzeug menschlicher Komplexitätsbewältigung.

Typisieren als Komplexitätsbewältigung durch Abstrahieren

Das NTD sieht in Typisierungen und Klassifizierungen Programme der Komplexitätsbewältigung. Typisierungen kommen in jeder Praxis - mehr oder weniger ausgeprägt - vor. Jedes Objekt emergiert dem Praktiker als Individuum und - sobald es benannt/symbolisiert werden kann - als Exemplar einer Art, eines Begriffs - oder wie immer die Abstraktionsebenendifferenz bezeichnet wird.
Im Prinzip sind unendlich viele Typenbildungen möglich. Konstitutiv und charakteristisch für das NTD ist, daß es sich nicht mit zweistufigen Typisierungen zufrieden gibt, sondern darüber hinaus einen nochmalige Typisierung der Typen bzw. der Artmodelle fordert. Das nennt man meist Klassifikation.
Ohne ein dreistufiges Klassifikationsschema, die Annahme triadischer klassifikatorischer Emergenz, funktioniert kein triadisches Denken und damit auch keine triadische Praxis.

Das vermutlich mächtigste Instrument zum Erklimmen der Abstraktionsstufen ist die Sprache. Typisieren gehört zu ihren Hauptfunktionen, aber es ist wohl auch ausnahmsweise ohne Sprache möglich. Klassifikationen scheinen ohne Sprachen oder äquivalente Symbole ganz unwahrscheinlich.

Mindestens werden die drei obligatorischen Ebenen: Individuen/Exemplare, Arten/Typen und Klassen unterschieden . Jede Art erscheint als Typisierung von Individuen und sie ist zugleich ein Element einer Klasse.
Es gilt die Regel: Unterscheide drei Klassen, viele Arten und unendliche individuelle Exemplare im Reich der Praxis!

Sobald man das Reich der triadischen Praxis betritt, hat man es mit drei Klassen, vielen Arten und noch zahlreicheren Individuen/Exemplaren zu tun. Jedes Exemplar eines Apfels gehört sowohl einer Apfelsorte (Art) als auch der Klasse Obst an. Je nachdem sind andere Merkmale relevant, prämiert.Die Objekte der Praxis können als Individuen als Vertreter von Arten oder Klassen eingeordnet und behandelt werden.

Die drei Praktiken prämieren jeweils eine dieser Stufen oder Ebenen: das Handeln liefert Individuen/einzigartige Produkte, die Wahrnehmung typisiert und ermöglicht so Wiedererkennen und das Denken kann unter Nutzung von Symbolen Klassifizieren.

Klassifikationsschemata stellen Programme zur Komplexitätsbewältigung zur Verfügung.

Klassifikation

Auch die Praxis selbst ist ein Exemplar, welches Arten und Klassen zugeordnet werden kann und auf drei Ebenen emergiert. Während das NTD für die Ebene der Arten nur wenige Vorschläge macht und darauf besteht, daß jede Auflistung offen ist und bleiben soll, sieht dies für das Objekt Praxis auf der Ebene der Klassen anders aus.

Je allgemeiner, je abstrakter die Typisierungen werden, desto größer ihr Geltungsbereich. Es wird angestrebt, die axiomatischen Grundannahmen auf der Ebene der Klassen zu verorten. Die Bevorzugung der Triade der Praktiken (WaDeHa) hat in dieser Darstellung der Axiomatik dazu geführt, daß die menschliche Interaktionspraxis einen Vorrang vor der kulturellen und sozialen Praxis erhält. Eine andere Möglichkeit wäre es, kulturelle System oder soziale Systeme in den Vordergrund zu stellen. Der Trias von Wahrnehmen, Denken und Handeln in der menschlichen Praxis entspricht in der sozialen und kulturellen Praxis die Trias der Informationsverarbeitung: Informationsaufnahme/Input, Prozessieren und Informationsabgabe/Output. Das führt dann zu anderen Darstellungen.

Koordination der Praktiken und der Aktivitätsarten.

Jede Komplexitätsbewältigung kann als Interaktions- und Relationierungsprozeß und jede Strukturbildung kann als Komplexitätsbewältigung verstanden werden. Beide Dimensionen führen zu Transformationen der Dinge, weshalb es einen triadischen Zusammenhang zwischen den drei Dimensionen gibt.
Die dynamischen Dimensionen Komplexitätsbewältigung, Strukturbildung und Transformation der Dinge erklären sich wechselseitig und erst aus ihrer Interaktion emergiert die triadische Praxis.
Zwischen diesen Aktivitäten gibt es keine Hierarchie, sie sind immer zugleich vorhanden. Aber in jeder konkreten Praxis wird durch Prämieren eines Problems, seine Umformung in eine lösbare Aufgabe, eine Hierarchie hergestellt.

axiomatik, id105, letzte Änderung: 2021-08-24 10:26:18

© 2021 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke