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Das Merkmal der Selbsterzeugung haben Maturana und Varela als Autopoiesis von Lebewesen biologisch und organisch-chemisch beschrieben. Sie selbst und in der Folge viele andere haben versucht, diese Eigenschaft zu einem quasi philosophischen System auszubauen und es vor allem auf soziale Phänomene anzuwenden. Ein Ergebnis sind die konstruktivistische Systemtheorie und die auf Selbstorganisation aufbauenden Modelle der unterschiedlichsten sozialen Systeme.
Daß Lebewesen sich selbst als Organismus erzeugen ist trivial, ansonsten würden sie nicht leben, sondern bestenfalls gelebt werden. Mit dem Begriff Leben ist - vor aller disziplinären Modellierung - gegeben, daß dasjenige, was lebt, selbst lebt. Sonst ist es selbst tot. Der Gegenbegriff zu lebendig ist tot, und Totes ist dadurch gekennzeichnet, daß es sich nicht mehr reproduzieren kann. Es ist der Transformation durch fremde Mächte ausgeliefert - und zwar vollständig.
Man kann insofern dem Vorschlag der beiden Biochemikern folgen, "daß Lebewesen sich dadurch charakterisieren, daß sie sich - buchstäblich - andauernd selbst erzeugen." (Baum der Erkenntnis, S. 50) Sie modellieren dies als 'autopoietisch Organisation' (51) und leiten daraus dann zahlreiche Eigenschaften von Lebewesen, wie den zellulären Metabolismus (Zellstoffwechsel) und deren Autonomie ab.
Nach der Matura/Varela-Definition haben Sozialsysteme kein Leben, weil sie auf die Zufuhr von Leben durch die Menschen angewiesen sind.
Menschliche Praxissysteme sind hingegen insofern selbsterzeugend, als sie nur in Symbiose mit den Menschen existieren können. Gleicherweise gibt es kein menschliches Leben außerhalb jeder Praxis. Menschliche Praxis erzeugt menschliches Leben und menschliches Leben menschliche Praxis.
Das menschliche Leben ist ein Ding, welches sich selbst in und durch die Praxis erzeugt.
Aber damit ist nicht gesagt, daß ihm dies allein und ohne Hilfe gelingen kann. Alle Lebewesen haben einen Stoffwechsel und brauchen folglich auch Stoffe, die von Außen geholt werden müssen. Bindet man den Autopoiesisbegriff an das biologische und organisch chemische Modell des Lebens, dann sind Austauschprozesse mit der Umwelt und also auch Umweltbeziehungen schon qua Definition mitgegeben.
Vor diesem Hintergrund erhält die Diskussion um die 'Geschlossenheit' von autopoietischen Systemen in den Sozial- und Geisteswissenschaften, aber auch in der Psychologie absurde Züge. Selbst wenn man das (biologische) Leben als Spezialfall einer Autopoiesis, die daneben auch noch Fälle sozialer und psychischer Autopoiesis kennt, versteht, muß das Prinzip des dinglichen Austausch mit der Umwelt erhalten bleiben, ansonsten hat das Konzept nichts mehr mit seinem naturwissenschaftlichen Ursprung zu tun. Das kann natürlich gewollt sein. Der Preis ist ein Modell ausschließlich von einem Phänomen in der Vorstellungswelt ohne Existenz im Kosmos, eine reine Idee. Die hat allerdings die - oft als vorteilhaft bewertete - Eigenschaft, daß sie nicht sterben kann. Mindestens auf ein abstraktes Modell des Lebens sollte sich eine Lebenswissenschaft einigen können.
Die TriPhil geht davon aus, daß Lebewesen das einzige Wesen sind, das sich selbst als Ding, Prozeß und Beziehungsgefüge erzeugt.