Axiomatik



Die Emergenz der Menschen in der Praxis

Wer die Praxis gestalten will, macht Annahmen über den Menschen und dessen Organe und Fähigkeiten.
Insoweit ist die hier vorgestellte triadische Praxeologie eine anthropologische Praxeologie. Man kann sie auch als praxeologische Anthropologie lesen. Das NTD folgt der Grundannahme J.W. von Goethes:
'Ungleich ist der Mensch und ungleich die Stunden'
Fries im Völkerkundemuseum Hamburg

Von den mannigfaltigen Dimensionen des Menschen prämiert das NTD genau drei. → Mensch Sie gestaltet ihn als

  • Teil der Welt,

  • Praktiker und

  • Persönlichkeit.

Sie reduziert die Menschen also nicht auf den homo sociologicus und homo faber, auf die psychodynamische Konstruktion von (individuellen) Persönlichkeiten und auch nicht auf eine naturwissenschaftliche Sicht auf den Menschen als physikalischen, chemischen, energetischen usf. Organismus. Alle drei Perspektiven sind zu berücksichtigen, eben weil sie immer zusammenwirken und die Menschen i.d.S. ein emergentes Produkt sind, sobald sie praktizieren.
Diese Verständnis der Komplexität der Menschen läßt sich in einer Triadentrias zusammenfassen.
→ Komplexität der Menschen im NTD
Das triadische Denken trägt der Inhomogenität des Menschen: seiner artverschiedenen Sinne, Verarbeitungsprozesse (Fühlen, Denken, Reflexe) und mannigfaltigen Handlungsformen Rechnung.( Multisensuell, multiprozessoral, multioperativ) Es ermöglicht ein Verständnis und eine Bildung von Menschen - und dann auch von Kulturen - jenseits der Prämierung des Ideals von Gleichheit und Homogenisierung.
Vergleicht man die Menschen untereinander, so treten Gleiches, Unterschiede und Unvergleichliches zu Tage. Das NTD überläßt es der jeweilige Praxis, welche dieser drei Dimensionen einen Vorteil bei der Funktionserfüllung hat. Es teilt damit nicht eine generelle Prämierung von Gleichheitsidealen.

Über die Faktoren der Faktorentrias muß in jeder Praxis, in der mit diesem Modell gearbeitet werden soll, konkret entschieden werden. Sie stellen eine überall zu nutzende Möglichkeit da, sind aber nicht axiomatisch für alle Fälle festgelegt.
Konstitutiv und innovativ ist die Einführung der drei anthropologischen Hauptdimensionen. Die Menschen sind ein Teil, eine Komponente der Welt und erben deren basale Dimensionen. Sie sind ein Körper im Raum, ein Ding aus Materie, Energie und Informationen und ein Lebewesen mit begrenzter Zeit im Wandel. Sie existieren als Praktiker, als Akteure in vielen Formen der Praxis und schaffen sich dort ihre Qualitäten. Sie sind nicht nur Akteure sondern als Elemente der Praxis auch Interagierende, sie stellen beständig Beziehungen zu ihrer Umwelt her und werden von ihr beeinflußt. Als Persönlichkeit reicht die Existenz der Menschen über jede einzelne Praxis, in der sie gerade funktionieren, hinaus. Die erst- und die letztgenannte Dimension muß in der Axiomatik der Praxis nicht weiter verfolgt werden. Prämiert wird: - Der Mensch als Praktiker Menschen emergieren in jedem Augenblick als Elemente irgendeiner Praxis. Deshalb ist die Praxis die Grundeinheit auch zum Verständnis der Menschen. Ihr Leben ist eine Aneinanderkettung von Praxen. Im Verständnis des NTD sind drei Dimensionen der Praktiker auseinanderzuhalten, jene - als Akteur, der auf seine Praktiken angewiesen ist, - als Element im Interaktionsgefüge der Praxis und - als Lebewesen, welches auf verschiedenen Seinsstufen emergiert. Alle drei Dimensionen lassen sich weiter triadisch differenzieren. Es gilt die Triadentrias der Dimensionen der Praktiker. → Emergenzebenen der Praktiker TT Die Unterscheidung von Mensch und Praktiker sind relativ. Da Menschen ausschließlich in irgendeiner Praxis auftauchen, sind sie insoweit immer Praktiker. Für das NTD ist die Annahme von Menschen außerhalb jeder Interaktionspraxis und ohne den Einsatz der Praktiken eine sinnlose Abstraktion.
Der Triadiker schließt nicht aus, daß man Menschen auch außerhalb einer Praxis i.S. des NTD untersuchen kann. Sie schlafen und träumen, sind in der Ontogenese und der Phylogenese zeitweise nicht Herr über ihre Praktiken - über ihr Unbewußtes sowieso nicht - usf. Nach triadischem Verständnis setzt die Praxis einen Menschen voraus, der alle drei Praktiken zugleich einsetzen kann, natürlich mit unterschiedlicher Intensität. Die Praxis ist insofern immer Teil des Kosmos. Mit anderen Praxisformen beschäftigt sich das NTD (noch) nicht. Ein Zugang zu Praxisformen mit ausschließlich psychischen, informativen Objekten ist über die Vorstellungswelt, in der das Handeln maximal reduziert ist, prinzipiell möglich sein. Auch eine innere Praxis zwischen intrapsychischen Instanzen scheint denkbar. Das 'innere Team' von F. Schulz von Thun etwa interagiert und man könnte von einer Praxis sprechen und Typen bilden. Animalische oder pflanzliche Interaktions- und Sozialsysteme lassen sich zwar prinzipiell auch triadisch beschreiben, aber hierzu liegen zu wenig eigene Erfahrungen vor, sodaß sie in der Folge nicht weiter berücksichtigt werden. Hier geht es um soziale Praxis, menschliche Interaktionsstrukturen und menschliche Kulturen.
axiomatik, id164, letzte Änderung: 2021-10-25 10:40:02

© 2021 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke