Lexikon des NTD® und der TriPrax

Definitionen und Begriffsklärungen

Lexikon der Begriffe des Neuen Triadischen Denkens® (NTD) und der Triadischen Praxeologie(TriPrax).

Definitionen sind für das NTD® eine heikle Angelegenheit, weil sie immer nur einen bestimmten Geltungsbereich haben, der eigentlich mitkommuniziert werden sollte. Manche Grundannahmen über das triadische Denken treffen beispielsweise auch auf viele andere Arten des Denkens zu, aber eben nicht auf alle. Aussagen über die individuelle Praxis gelten für die individuelle Praxis und es sollte geprüft werden, ob sie sich auf die soziale Praxis übertragen lassen. Ggfs. sind Modifikationen erforderlich. Dies umsomehr als sich die Entwicklung des NTD im Fluß befindet; manche Lemma widerspiegeln einen älteren Stand der Theorieentwicklung und harren einer Anpassung. Viele Modelle sind gut geprüft, andere beruhen vorerst nur auf logischen Deduktionen.
"Die Werke sind nur gut, soweit sie bessere entstehen lassen." Alexander von Humboldt an Charles Darwin, 18. Sept. 1839
Es ist mit den Definitionen/Modellen/Programmen wie mit allen anderen tools: Ohne Anamnese und Diagnose der Anwendungssituation - also der Art der Praxis -, kein sinnvoller Einsatz. Immer gilt: 'Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie, ersehnt, im rechten Augenblicke hervortreten.' Goethe im 8. Buch von 'Dichtung und Wahrheit'
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Kriegspraxis =

Kriege und ihre Modellierung
Die Grundannahmen über den Krieg in seinen vielen Erscheinungsformen lassen sich auf vier reduzieren:
Man kann den Krieg

  • als Handlungen eines - mehr oder weniger komplexen - Subjekts,
  • als Interaktion zwischen Subjekten
  • als organisiertes Sozialsystem
    und
  • als komplexe Praxis
    verstehen.
    Die erste Annahme führt zu → Handlungstheorien, die zweite zu Interaktionstheorien, die dritte nutzt Systemtheorien und Organisationstheorien und die vierte führt zur →Triadische Praxeologie (TriPrax) .


I. Die erstere Annahme ist in Europa momentan die vorherrschende in der öffentlichen Kommunikation. Sie steht in der Tradition des Kriegsverständnisses des 3. Reiches und der Siegermächte des II. Weltkriegs - und vieler älterer Kriege. Es gibt einen Kriegsherren, der angreift, siegt oder verliert. Man kann - in der politischen wie in der juristischen Sphäre - ein Subjekt benennen und diesem Schuld oder Erfolg zuschreiben. Die Feldherren treten in den Vordergrund, man personalisiert. 'Fortune' und 'Talent' werden zum Kriterium für die Auswahl der Generäle. Die Gegner werden zu Objekten seiner Handlungen, im schlimmsten Fall werden sie entmenschlicht. Verlorene Schlachten sind das Ergebnis von ungeeignete, 'unglücklichen' Zuständen im Handlungsraum, etwa: zu früher Anbruch der Nacht/des Winters, zuviel Regen, unvorteilhaftes Gelände usf..

II. Die zweite Grundannahme hat ihre Wurzeln in einer (vergangenen) Zeit, in der Schlachten durch Zweikämpfe geprägt waren - und oftmals auch durch sie entschieden wurden. Kriege sind eine Interaktion zwischen zwei Parteien. Die Parteien können jeweils durch weitere verstärkt werden und gehen dann explizit oder implizit - Bündnisse ein. Eine dritte, dann 'neutrale' Partei gibt es nur theoretisch. "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!" Es findet also eine binäre Schematisierung des Geschehens statt.
Das paradigmatische Beispiel für dieses Verständnis ist der - bewaffnete oder unbewaffnete Zweikampf, auch in seiner hochgradig genormten Form des Duells.
Diese Modellierung bildet den Ausgangpunkt in der gründlichsten Kriegstheorie für das Europa der Neuzeit, Claus von Clausewitz' Abhandlung 'Vom Kriege'.
Nach dieser Auffassung dürfte es keinen 'Angriffs-' oder 'Verteidigungskrieg' geben. Sondern nur eine – militärisch - angreifende Partei. Sobald der Kriegsfall eintritt, sind zwei Parteien vorhanden, die sowohl angreifen als auch verteidigen - und manches weitere mehr.
Angriff und Verteidigung sind für sich Aktionen, keine Interaktion.
Statt von Handlungen spricht man hier besser von Aktionen, eben inter - aktiven Prozessen. Wenn sich keine zweite Partei findet, etwa weil sie von vornherein kapituliert, findet kein Krieg sondern eine Eroberung durch einen Angreifer statt.
Diesen Weg, einem Krieg auszuweichen, hat etwa Dänemark - grosso modo gesprochen - im zweiten Weltkrieg gewählt, und ist damit vergleichsweise gut gefahren.
Verlorene oder gewonnene Schlachten hängen von der Schwäche bzw. der Stärke der gegnerischen Partei ab. Die Parteien sind wesensgleiche Subjekte, mit denen man nicht nur kämpfen sondern auch kommunizieren kann. Der Krieg als komplexe Interaktion enthält eine starke kommunikative Komponente, etwas was im Zweikampf verpönt und beim Duell explizit ausgeschlossen wird. Diese beiden Fälle eignen sich deswegen nicht gut als Paradigma.

III. Sowohl die handlungstheoretische als auch die interaktive Grundvorstellung vom Krieg haben Schwierigkeiten, weitere Einflußfaktoren, die Ausbruch, Verlauf und Ende des Krieges beeinflussen, systematisch zu berücksichtigen. Ihnen ist gemeinsam, daß der Krieg im wesentlichen auf die militärische Dimension reduziert wird – und deshalb bspw. kommunikative Interaktionen als Eingriffe der Umwelt wahrgenommen werden. Das wird bei Clausewitz, eben weil er einerseits so detailliert vorgeht, andererseits aber auf der Interaktionstheorie des Krieges verharrt, besonders deutlich. Es führt bei ihm dazu, daß er den Faktor Politik einführt und an diesen nicht nur Kriegsziele sondern auch Verhandlungen und Friedensschluß delegiert.

Neben der Orientierung auf den Zweikampf startet Clausewitz mit der weiteren Grundannahme, daß der Krieg die 'Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln' ist. Wer nicht nur die ersten Sätze des Buches liest, dem wird schnell klar, daß damit die Politik nicht nur zu einer relevanten Umwelt sondern auch zu einem Faktor der Kriegspraxis wird. Nicht nur die Berufspolitiker sondern auch das Militär muß immer wieder zwischen den Parteien - unter Ausschluß der Politiker – verhandeln. Sei es im Kleinen um eine Waffenruhe zur Bergung von Verwundeten oder dem Austausch von Gefangenen oder im Größeren bei Vorbereitungen zu Friedensverhandlungen. Die militärhistorische Literatur ist gekennzeichnet von der Modellierung der Beziehung zwischen dem militärischen und dem politischen Faktor. Mal erhält die Politik, mal das Militär die Suprematie. Leicht ist es nur, wenn wie bei Friedrich dem Großen und Napoleon beide Funktionen in einer Hand sind - und sich Erfolge einstellen.

Die Reduktion des Krieges auf zwei Faktoren, Angreifen und Verteidigen, die überhaupt nur eine gewisse Plausibilität gewinnt, wenn der Krieg auf die militärische Dimension begrenz wird, kann die der Mannigfaltigkeit des Phänomens jedenfalls nicht erfassen. Mehr Komplexität läßt sich erfassen, wenn der Krieg als Sozialsystem mit mehreren militärischen, politischen und weiteren Dimensionen aufgefaßt wird. Sobald allerdings von Systemen gesprochen wird, drängen sich die Strukturen, die soziale Organisation in den Vordergrund. Hinter der Modellierung des Krieges als Beziehungsgeflecht tritt seine Dynamik zurück. Der Prozeßcharakter des Krieges steht in Gefahr, aus dem Blick zu geraten.
Winston Churchills Mahnung an die Strukturstrategen des Generalstabs zu Beginn des Burenkriegs faßt das Dilemma bestens zusammen: "Niemals, niemals glaube man, ein Krieg werde hier leicht und glatt verlaufen oder man könne bei Antritt einer so gefahrvollen Reise im Voraus die Fluten und Wirbelstürme ermessen, in die man geraten wird. Der Staatsmann, der dem Kriegsgeschrei nachgibt, muß wissen, daß er nicht mehr Herr der Politik, sondern Sklave unvorhergesehener und unberechenbarer Geschehnisse ist, sobald er das Signal gegeben hat." (Meine frühen Jahre, 18. Kapitel)

Die Modellierung von Kriegen als Sozialsysteme ist unter den heutigen Bedingungen in Anbetracht der Technik als Wirkfaktor nur dann haltbar ist, wenn man diese als technische Medien in das Strukturmodell der Praxis integriert.

IV. Eine vierte Grundannahme behandelt den Krieg als eine besondere menschliche Praxis unter anderen.
Von Handlungs- und Interaktionstheorien unterscheidet sich der praxeologische Ansatz dadurch, daß dem Krieg von vornherein eine größere Komplexität zugestanden wird, er sich nicht auf Handlungen und zwischenmenschliche - auf welchem Emergenzniveau auch immer - Interaktion reduzieren läßt. Die Kriegspraxis kann unterschiedlich verstanden werden, oft als anthropologische Größe.
Der Krieg ist offenbar in menschlichen Kulturen ebenso unvermeidlich wie das Heilen, die vielfältigen Formen des Handwerks, das Feiern, die kollektive Verehrung von Göttern (Gottesdienst) usf.
Deshalb fällt es so leicht, Kriege als Handwerk, Gottesdienst usf. zu bewerben.

Und wie alle anderen Praxisarten verlangt die Kriegspraxis von den Menschen → Praktiken. Betrachtet (und gestaltet) man den Krieg im Sinne der Triadischen Praxeologie als soziale Praxis sind neben den kooperativen Aufgaben auch kommunikative und interaktive durch Praktiken zu bewältigen.
Es sind zum einen spezifische kooperative Aktivitäten auszuführen, die untereinander unterschiedliches Gewicht für den Erfolg der Praxis haben. Mit Bezug auf die Kriegspraxis gibt es nicht nur 'Angreifen' und 'Verteidigen'.
Anders als Clausewitz in Kap.1, 16 ".. die kriegerische Tätigkeit zerfällt in zwei Formen, Angriff und Verteidigung".
Mindestens braucht es noch eine Aktivitätskomplex wie 'Rückzug, Flucht, Stillhalten' u.ä. Im triadischen Paradigma wird dieser Faktor 'Ausweichen' genannt und er bildet mit Angreifen und Verteidigen die militärische Trias des Krieges.
Krieg ohne kommunikative Propaganda und – jedenfalls in der Gegenwart – Konferenzen sind kaum vorstellbar. Das interaktive Verhältnis zwischen den Parteien muß als ein Gegeneinander gestaltet werden. Die Energieströme sind gegengerichtet.

Wie alle anderen Formen der Praxis kennt die Kriegspraxis komplexe Subjekte, Objekte und Medien. Menschen sind immer beteiligt, aber ihre Emergenz und ihr Anteil am Geschehen variieren. Die Klärung der anderen Faktoren führt zu Typologien des Krieges.

Der Krieg teilt sich, wie andere Praxisarten, in eine Vorbereitungs-, Durchführungs- und Abschlußphase. Er wird also als Prozeß in der Zeit verstanden. Unter praxeologischen Gesichtspunkten ist es völlig absurd, einen Krieg mit einem ersten Schuß und einer bestimmten Uhrzeit beginnen zu lassen.
Kein Bauwerk beginnt mit der Grundsteinlegung, in heutigen Zeiten mit den ihnen innewohnenden Planungsnotwendigkeiten schon gar nicht. Aber auch jeder Schreiner muß seine Werkstatt herrichten, um mit der Anfertigung eines Türrahmens zu beginnen.
Jede Vorphase stellt die Weichen für den weiteren Verlauf der Praxis - so auch die Vorphase der Kriegspraxis.

Es gibt relevanten, auch nicht soziale, natürliche Umwelten, Flüsse, Berge, Klima usf., zu denen Beziehungen zu gestalten sind. Die Kriegspraxis führt mehr oder weniger ausgeprägt zu Kriegssystemen. Diese können, wen sie als Ökosysteme aufgefaßt werden, auch die neben den menschlichen und technischen Faktoren andere Umweltfaktoren integrieren. Der Gefahr einer rein strukturalistischen Systematisierung entgeht die praxeologische Modellierung, weil sie die Systembildung grundsätzlich erst als Ergebnis dynamischer Prozesse begreift.

Im Verständnis der triadischen Praxeologie (TriPrax) sind zunächst drei Klassen der Kriegspraxis zu unterscheiden, eine individuelle, eine soziale und eine kulturelle. In der individuellen Kriegspraxis befinden sich menschliche Individuen im Krieg.
Es scheint für die Massenmedien gegenwärtig üblich zu werden, diese individualistische Dimension so weit zu prämieren, daß andere darüber von der Bildfläche verschwinden. Es werden kampfbereite oder geschlagene Soldaten, Personen, die unter den Kämpfen leider usf. gezeigt. Jede Seite erhält einen Kriegsherren – hier ist die Quote noch nicht erreicht – deren Psyche ausgiebig erkundet wird. Natürlich ist der Gegner psychisch krank.

Die soziale Kriegspraxis kennt viele menschliche Subjekte, die untereinander in Wechselwirkung stehen. Ihre biographischen Eigenheiten treten vor den sozialen Funktionen zurück. In erster Linie sind sie Soldaten. Als solche werden sie am Anfang und Ende des Einsatzes gezählt. Die Differenz nennt man 'Verluste'.

Wenn die Kriegspraxis unter dem Gesichtspunkt der Kriegsmedien, vor allem der Waffen, gesehen wird, ihnen die Kraft zugeschrieben wird, den Verlauf der Praxis massiv, entscheidend, zu beeinflussen, spricht die TriPrax von einer medialen Praxis. Je mehr die militärischen Medien die vielfältigen Praxen, aus denen jeder Krieg letztlich zusammengefügt wird, koordinieren, je größer ihre Bedeutung wird, desto mehr neigen die Menschen dazu, hier von kulturellen Medien zu sprechen. Sie erzeugen eine kulturelle Kriegspraxis.
In dieser sind die Menschen nur ein Faktor unter anderen, sie werden zu Objekten vor allem der Waffentechnik. Der Erfolg der Praxis wird in dieser kulturellen Sichtweise weder von der Partei A noch von der Partei B noch von deren Interaktion bestimmt. Der Krieg wird zu einem Kulturkampf.

Typischerweise führt dies zu allererst zu einer Abwertung nicht nur der gegnerischen Waffen sondern - schon bevor der erste Schuß fällt - zu einer Denunziation der gegnerischen Kultur überhaupt. Angriffe auf deren Religion, deren Kunst, Lebensgewohnheiten usf.

Da nun jede Praxis - auch die Kriegspraxis - als Produkt sowohl der einzelnen Menschen, als auch ihrer sozialen Interaktion, Kooperation und Kommunikation als auch drittens der Nutzung, Herstellung und Verbreitung der Medien wahrzunehmen und zu gestalten ist, kommt es nicht darauf an, sich für ein einzelnes Modell zu entscheiden.
Die Kriegspraxis ist dreifaltig, alle Dimensionen wirken zusammen.

Die Dimensionen der Praxis hängen zusammen, aber es ist förderlich, sie zu trennen - schon um ihre Verschränkung gestalten zu können. Sie haben niemals gleichen Anteil am Verlauf der Praxis. Die jeweiligen Prämierungen geben jeder konkreten Kriegspraxis ihre Eigenheit, bestimmen also auch, wie erfolgreich sie verläuft.

lexikon, id1631, letzte Änderung: 2022-12-22 16:00:39

© 2026 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke