Texte

Texte

Webseite für Texte, nur im Änderungsmodus sichtbar.




Systemtheorien

Die Dimensionen der vielen Systemtheorien als Auswahlbereich für die Bildung triadischer Modelle

Das Neue Triadische Denken profitiert bei der Modellbildung und der Integration der Dimensionen zu triadischen Modellen von den vielen systemtheoretischen Entwürfen in den unterschiedlichsten Disziplinen. Es haben sich im Laufe der Zeit eine Reihe von Vorstellungen über Dimensionen von Systemen in der community herausgebildet, die immer wieder auftauchen. Sie können bei der Bildung mehrdimensionaler Modelle genutzt werden. Wenig überraschend, daß das NTD letztlich darauf abzielt, aus der Vielzahl dieser Dimensionen jeweils drei auszuwählen.

Systeme als Mehrebenen-Modelle

Ludwig von Bertalanffy hat in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts die verschiedenen systemischen Ansätze, die sich in unterschiedlichen Disziplinen entwickelt hatten, zu einer sogenannten ’Allgemeinen Systemtheorie’ zusammengefaßt. Konstitutiv ist für ihn und für das triadische Verständnis von Systemmodellen, daß sie Beziehungen zwischen Ebenen herstellen.

Bertalanffy war es, der „mit seiner 1949 erstmals veröffentlichten ‘allgemeinen Systemlehre’ den Weg vom spekulativen Ganzheitsmythos zur wissenschaftlichen Systemtheorie eröffnete. Das zeigt sich ganz deutlich, wenn man Bertalanffys Reformulierung des holistischen Axioms über Ganzheit und Teile liest: ‘Die Eigenschaften und Verhaltensweisen höherer Ebenen (sic!) sind nicht durch die Summation der Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer Bestandteile erklärbar, solange man diese isoliert betrachtet. Wenn wir jedoch das Ensemble der Bestandteile und die Relationen kennen, die zwischen ihnen bestehen, dann sind die höheren Ebenen von den Bestandteilen ableitbar. Das Ganze ist demnach ‘die Summe seiner Teile’ und die ‘Summe’ der Beziehungen zwischen den Teilen.’“ So Günter Ropohl (1978) in seiner: Einführung in die allgemeine Systemtheorie.

Etwa gleichzeitig begann der Soziologe Talcott Parsons mit der Ausarbeitung einer soziologischen Systemtheorie (general action system). Für Niklas Luhmann war T. Parsons eine theoretische Vaterfigur, vermutlich der einzige Maßstab. ("Mit wem sonst soll man sich als soziologischer Theoretiker messen?") Seit seiner ‘Theorie sozialer Systeme’ spielt Luhmann in den Diskussionen über systemisches Denken und systemische Ansätze in der Beratung eine Hauptrolle.
Seit den 70er Jahren hat sich das systemische Denken praktisch in allen Wissenschaften in der einen oder anderen Schule etabliert. Bekannt ist etwa das Werk des Physikers F. Capra (Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. München 1985) oder jener Schulen, die sich um eine ‘synergetische’ Beschreibung physikalischer Vorgänge bemühen (H. Haken). Da sich im Prinzip alle Phänomene und alle Modelle der verschiedenen Disziplinen als Systeme auffassen lassen, bietet die Systemtheorie eine ideale Grundlage, um Erkenntnisse aus den verschiedenen Bereichen zu integrieren.
Ihre Integrationskraft bezahlt die allgemeine Systemtheorie mit einem hohen Abstraktionsniveau. Über das, was Systeme ausmachen, gibt es nahezu so viele Theorien wie Autoren. Trotz aller Unterschiede im einzelnen konvergieren die systemischen Ansätze jedoch in einigen Grundannahmen, die auch vom NTD berücksichtigt werden.

Strukturalistische Systemtheorien

Systeme besitzen eine komplexe Struktur, u.a. im Sinne einer Verknüpfung einer Vielzahl von Elementen. Elemente und Relationen gehören entsprechend zu allen Systembeschreibungen. (Strukturalistischer Systembegriff) Aus dieser strukturellen Systemdimension wird das Prinzip der Übersummation abgeleitet: Das System ist mehr als die Summe seiner Elemente: „Lebende Systeme – Organismen, soziale Systeme oder Ökosysteme – sind integrierte Ganzheiten, deren Eigenschaften sich nicht auf die kleinerer Einheiten reduzieren lassen. Statt auf Grundbausteine konzentriert sich die Systemtheorie auf grundlegende Organisationsprinzipien. Systemeigenschaften werden zerstört, wenn ein System in isolierte Einzelteile zerlegt wird, sei es physisch oder theoretisch. Obwohl wir in jedem System Einzelteile unterscheiden können, ist das Ganze immer etwas anderes als die bloße Summe seiner Teile.“ (Capra 1990, S.309)

Funktionale Systemtheorien

Desweiteren haben Systeme immer eine Funktion und diese hat Einfluß auf die Struktur und umgekehrt. Deshalb spricht man auch von strukturfunktionalistischen Systemtheorien. (Wer monokausal denkt, kann sich mit der Frage beschäftigen, ob die Funktion von den strukturellen Vorgaben oder aber die Strukturen von den Forderungen der Funktion abhängen.)
So ist es eine Grundannahme der Sozialtheorie N. Luhmanns, daß nicht "schon der Handlungsbegriff selbst" bzw. ein Wahrnehmungs- oder Denkbegriff sondern "erst der Begriff des Handlungssystems theoretische fruchtbringend" ist und zwar in der Form sinnidentifiziertes Handlungs- bzw. Sozialsysteme. Der 'Sinn' oder manchmal auch die 'Funktion' definiert, was die konstitutiven Interaktionsbeziehungen sind.

In ähnlicher Absicht nimmt auch Jürgen Habermas nicht Handlungen sondern das Handlungssystem zur theoretischen Grundeinheit und sieht T. Parsons erst actor-in-situation Modellen als notwendige Voraussetzung für Sozialsysteme. Wir ziehen den Begriff der Praxis jenem der Handlung bzw. der Handelnden vor, weil letztere bei Menschen und sozialen Systemen leicht zu einer Ausgrenzung von Wahrnehmen und Denken aus der Analyseperspektive führt. Die Notwendigkeit, Prozesse in Strukturen einzubetten und sie auch als Strukturbildung zu begreifen, teilt das NTD.

Die funktionale (und weniger häufig auch die dysfunktionale) Beziehung der Systeme zur Umwelt stand bei Parsons im Vordergrund und viele Sozialwissenschaftler habe ihre Ansätze als funktionale Systemtheorie ausgebaut.

Ökologische Systeme und die System-Umwelt-Beziehungen

Ernst Haeckel, der der Ökologie 1866 ihren heutigen Namen gab, definierte in seinem Buch "Generelle Morphologie der Tiere" von 1866 Ökologie als "die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt". Der Begriff ist aus den griechischen Wörtern "oikos" (Haus, Haushalt, Hauswesen) und "logos" (Lehre, Kunde, Kenntnis) abgeleitet. Mittlerweile hat sich der Begriff in den Wissenschaften und in der politischen Diskussion so vielfältig ausgedehnt, daß seine ursprüngliche Bedeutung kaum mehr empfunden wird. Wäre es anders, könnte man die Beschreibung der System-Umwelt-Beziehungen als ökologische Dimension bezeichnen. Immerhin kann man festhalten, daß es bei (ökologischen ) Systemen immer auch um Beziehungen zur Umwelt dreht.
Luhmann hat die Aufmerksamkeit dann auf einen anderen Aspekt gelenkt und eine Besonderheit von Systemen darin gesehen, daß sie sich durch eine geringere Komplexität von der 'überkomplexen' (Um)Welt unterscheiden. Jedenfalls stehen Systeme immer in Beziehungen zur Umwelt. Sie müssen sich von ihr abgrenzen und werden andererseits auch von ihr gestützt.

Dynamische Systemtheorien

Systeme besitzen außerdem mindestens insoweit eine dynamische Dimension als beständig Prozesse zu ihrer Reproduktion erforderlich sind. Systemerhalt ist eine dauerhafte Aufgabe, die Zeit und Ressourcen erfordern. Dies gilt unübersehbar für alle lebende System in einem biologischen Sinne sowie für soziale und kulturelle Systeme. Sie alle existieren nur zeitweise, d.h., sie haben einen Anfang und ein Ende. Wer sich mit dynamischen Prozessen beschäftigt, kommt ohne eine Vorstellung von Zeit und möglichen Skalierungen derselben nicht herum. Wer Sprachen z.B. als Zeichensystem beschreibt, mag ohne eine dynamische Dimension auskommen.

Geschlossene und autopoietische Systeme

In den letzten Jahrzehnten sind mit der Theorie autopoietischer Systeme nach Meinung vieler Autoren weitere Dimensionen hinzugekommen. Autopoiesis meint letztlich eine besondere Form der Genese von Systemen. Das Konzept betont den Anteil des Selbst an der Erzeugung und schließt in der radikalen Form den Anteil Dritter ganz aus. Der akademische Streit über Sinn oder Unsinn von Schöpfungs- versus Selbstschöpfungstheorien füllt mittlerweile Bände. Für das NTD - und alle technische Informatik - brauchen alle Systeme sowohl (selbst)regulative Programme als auch externe Steuerungswerte. Festzuhalten bleibt, daß eine genetische Dimension berücksichtigt werden kann. Weniger eindeutig ist, ob es sich hierbei um eine Subdimension der dynamischen oder der System-Umwelt-Dimension oder um eine gleichwertige Dimension handelt.

Konstruktivistische und selbstreferentielle Systemtheorien

Selbstreferenz, wie sie von Niklas Luhmann in seiner Theorie sozialer Systeme verstanden wird, ist letztlich nur ein anderer Ausdruck für einen Typ der Wahrnehmung und des Denkens neben der Umweltwahrnehmung - und ggfs. der Wahrnehmung der Beziehung zwischen Selbst und Umwelt (=Reflexion) - nämlich für Selbstbeobachtung. Auch, wenn man 'Referenz' als Handlung, als symbolisches oder deiktisches Zeigen versteht, erfordert das Konzept die Wahrnehmung des angezeigten Objekts. Die Beobachtung und das Referieren sind nur einer von vielen Typen der Informationsverarbeitung. Klarerweise gibt es informationsverarbeitende bzw. soziale Systeme, die die Selbstbeobachtung prämieren, aber es macht wenig Sinn, diesen Spezialfall zur Grundlage einer allgemeinen Systemtheorie - oder des Neuen Triadischen Denkens - zu machen. M.a.W.: Es sind keine lebenden oder sozialen System vorstellbar, die dauerhaft zwar auf sich selbst, nicht aber auf die Umwelt referieren. Das gerät durch die Betonung der 'Selbstreferenz' aus dem Blick. Klar, daß dieses Konzept auch zu einer Prämierung 'geschlossener' Systeme führt.

Nach der Rezeption von Spencer Brown findet bei Luhmann ein Umbau weniger der Theorie als vielmehr der Begriffe statt. Beobachten und Referenz wird als Unterscheiden verstanden. Unterscheiden ist zweifellos eine Grundform der Informationsverarbeitung und für Denken, Wahrnehmen und Handeln konstitutiv.

Letztlich lassen sich selbstreferentielle und/oder selbstreflexive bzw. 'unterscheidende' Systeme nur als informationsverarbeitende Systeme begreifen, die über Modelle über sich selbst und ihre Umwelt verfügen und diese zur Steuerung ihrer Dynamik und der Umweltkontakte einsetzen. (Ausgeführt in Giesecke/Rappe-Giesecke 1997) Entsprechend sind auch die konstruktivistischen Konzepte, die in diesem Paradigma entwickelt wurden, auf ‘Beobachtung’ und andere Informationsverarbeitungsprozesse fokussiert. Man mag dies als Ausdruck der gewachsenen Bedeutung von Informationen in unserer gegenwärtigen kulturellen Entwicklungsstufe sehen. Jedenfalls gehört das 'selbstreferentielle' Paradigma als ein Teil zu der informationellen Dimension.
Alle lebenden und sozialen Systeme verarbeiten Informationen - u.a. auch selbstreferentiell. Für soziale Systeme sind Selbstbeschreibungen konstitutiv und obligatorisch. Immer müssen die Typisierungen der Subjekte sozialisiert werden, damit soziale Praxis gelingt. Und das setzt Kommunikation voraus.
Insofern nimmt das NTD die selbstreferentielle Systemtheorie auf.
Alle Systembeschreibungen können mit der Beschreibung des Beschreibers und seines Relevanzsystems vervollständigt werden.

Das Verhältnis des NTD zur Theorie selbstreferentieller Systeme

Das NTD interessiert nur die Systemgestaltung, die in und durch die individuelle, kulturelle oder soziale Praxis entsteht bzw. emergiert. Diese Einschränkung wiederum ist die konsequente Folge davon, daß die Zelle, die Grundeinheit des NTD, die triadische Praxis ist. Und diese reduziert sich nicht auf das Denken und auch nicht auf die Wahrnehmung als Beobachten oder als was auch immer! Das Selbst des NTD ist der Triadiker/Praktiker und der kann seine Selbstsimplifikation nicht so weit treiben, daß ein reiner Unterscheider/Denker/Beobachter übrig bleibt. Die Sehnsucht nach reinem Denken - wie nach reiner Vernunft - ist ein produktiver Traum. Mit dem Erwachen wird gehandelt.
Das NTD hat die strukturellen und strukturfunktionalen Systemtheorien in der strukturellen Dimension, die autopoietischen sowie auf kybernetische Informationsverarbeitung fokussierten Theorien vor allem in der dynamischen Dimension und die ökologischen und mit Komplexitätsdifferenz arbeitenden Ansätze in der System-Umwelt-Dimension berücksichtigt.

text, id1038, letzte Änderung: 2022-03-04 09:33:59

© 2026 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke