Lexikon des NTD®

Definitionen und Begriffsklärungen

Hier wird das Verständnis wichtiger Begriffe des Neuen Triadischen Denkens erklärt und, wenn nötig, von anderen Definitionen abgegrenzt.

Definitionen sind für das NTD eine heikle Angelegenheit, weil Begriffe nach seinem Verständnis jeweils nur für eine bestimmte Praxis, mindestens einem Praxistyp, dieselbe Geltung beanspruchen können. Die folgenden Definitionen entspringen einer speziellen epistemologischen Praxis und gelten auch dort. Die meisten Begriff behalten in epistemischer Praxis ihren Sinn. Manche Begriffe behalten ihre Gültigkeit auch bei der Anwendung auf anderen Feldern, andere sind sehr speziell. Übertragungen müssen also geprüft werden und ggfs. sind Modifikationen erforderlich. Es ist mit den Definitionen wie mit allen anderen tools: Ohne Anamnese und Diagnose der Anwendungssituation - also der Art der Praxis -, kein sinnvoller Einsatz.
Um die Übersicht zu erleichtern, werden Verlinkungen von Texten in der Tiefe auf 2 Stufen begrenzt: Links aus einem Lemma des Lexikons auf ein anderes - und auf Texte außerhalb des Lexikons, also z.B. auf die Axiomatik - sind möglich. Ebenso kann man von den verlinkten Objekten auf eine weitere Ebene verwiesen werden. Nach dieser 3. Ebene ist Schluß: Die in den Popups eingepflegten Links werden dann zwar angezeigt, sind aber nicht belegt. Will der Leser sie verfolgen, kann er direkt auf die verlinkten Lemma bzw. andere Texte gehen. Diese Einschränkung gilt nicht für die Verlinkung von Modellen.



Dreifaltigkeit =

die Definition Gottes im Christentum als emergenten Produkt aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Auf der Synode von Nicäa (325) angenommen und für die Glaubenspraxis institutionalisiert.
Die christliche Lehre von der trinitas/Trinität (auch Heilige Dreifaltigkeit) geht von der Vorstellung von ‘drei Personen (Vater, Sohn, Heiliger Geist) in einer einzigen göttlichen Wesenheit’, so eine der vielen Ausformulierungen der Trinität, aus.

Die Begriffsbildung wird Tertullian (ca. 150 - um 222) als Verschmelzung des griechischen Trias(Dreiheit) und der lateinischen Bezeichnung für 'Einheit' unitas zu trinitas zugeschrieben. Es ist ein geniales Kunstwort, das die Brücke zwischen dem griechischen Sprachgebaruch der Ostkirchen und der Christen im römischen Kulturkreis, in dem er wirkte, schlägt. Die Wortschöpfung vermeidet die Betonung der 'Dreiheit' und damit auch jene der Differenz der drei Faktoren/Personen, indem auch ihre Einheit verbalisiert wird. Im Deutschen übersetzt man 'trinitas' am ehesten mit Dreieinigkeit - oder man greift auf die lateinische Bezeichnung zurück und spricht dann von Trinität. Für das NTD ist die Wortschöpfung ein Glücksfall, weil sie die Unterscheidung zwischen der → Trias und der → Triade erleichtert.

Die Synode (auch 1.Konzil) von Nicäa, 325 von Kaiser Konstatin einberufen, vollzieht den ersten Schritt beim Übergang vom alttestamentlichen Monotheismus und der in der Taufformel des NT (Mt. 28,19) vorgeprägten Trias Vater, Sohn und Heiliger Geist zum dreifaltigen Gottesbild.

Wie Gott zugleich als Einheit als auch in seiner dreifaltigen Existenz vorzustellen ist, bleibt eine offenbar immerwährende Aufgabe der Christen und ihrer Theologen. Die Klassifikation als 'Monotheismus' wird diesem Verständnis von Gott nicht gerecht. Sie verharmlost die Unterschiede im Gottesbegriff der Juden und der Christen sowie zwischen dem Alten und dem Neuen Testament und fällt jedenfalls hinter die Diskussion des 3. bis 6.JHs zurück.

'Erster Schritt', weil in den Beratungen das Verhältnis zwischen Vater und Sohn im Vordergrund stand, und die Einbindung des Heiligen Geistes kaum eine Rolle spielte. Das wird dann in Konstantinopel nachgeholt. Unklar blieb in Nicäa auch, wenn man dem Bericht des Athanasius von Alexandria Über die Beschlüsse der Synode folgt, die Beziehung zwischen Gottvater als einem Faktor der Trias und dem allmächtigen Gott als emergenten Produkt der drei Wesenheiten/der Trias. Dabei hatte Dionysius von Rom schon früher zwischen Gottvater und dem Gott des Alls unterschieden: Es "besteht die die dringende Notwendigkeit, daß die göttliche Trias in dem Einen, ich spreche vom allmächtigen Gott des Alls, wie in einer Spitze zentralisiert zusammengeführt wird." (zit. nach Athanasius, Über die Beschlüsse..., hrsg. von Uta Heil, Ffm. 2008, S.183)

Viele Auseinandersetzungen in der frühchristlichen Kirche, spätestens seit dem Auftreten des Presbyters Arius (317) bis zur 11. Synode von Toledo 675 lassen sich erstens als Streit darüber verstehen, ob Gott überhaupt als emergentes Produkt einer Triade gedacht werden kann (was die Arianer verneinten) und zweitens, welche Rangordnung gegebenenfalls zwischen Faktoren der Trias herrschen soll (Subordination).

Nach 380 (Dreikaiseredikt) und dem 1. Konzil von Konstantinopel (381) gelten als Christen nur diejenigen, die 'an die eine Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes bei gleicher Majestät und Heiligen Dreifaltigkeit' glauben.
Die heute von den meisten christlichen Kirchen anerkannte Formulierung findet sich im 'Nizäano-Kostantinopolitanum', dem auf der 2. Synode von Konstantinopel verabschiedeten Glaubensbekenntnis. Es unterscheidet zwischen einer Usia/einem Wesen des Allmächtigen und seinen drei Hypostasen/Personen. Dem Wesen nach ist das Christentum Monotheismus, den Gläubigen erscheint der Gott dreifaltig. Damit ist auch, die auf das Alten Testament zurückgehende Interpretation der orthodoxen Dreifaltigkeiten abgedeckt.

Es ließe sich eine Geschichte der christlichen Glaubensrichtungen danach schreiben, welche Rangordnungen sie zwischen den drei Faktoren jeweils anwenden. Obwohl Gott immer zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, tritt er dem Menschen mal mehr als Heiliger Geist (in der Offenbarung), mal als Sohn (z. B. im Neuen Testament als Jesus gegenüber den Evangelisten) und dann wieder, wie in vielen Episoden des Alten Testaments, als strafender oder gütiger Vater entgegen.

Augustinus (354-430) entwickelt in seinen 15 Bücher De Trinitate viele echte und unechte Triaden über die verschiedensten Objekte und beschäftigte sich intensiv mit den Beziehungen zwischen den drei Faktoren der Trias der Trinität. Für das NTD wichtig ist seine Übertragung der göttlichen Trinität auf den Menschen: Auch das Menschenbild sollte triadisch - wie auch immer - modelliert werden.

Robert Campin: Dreifaltigkeit, 1380, Ermitage St. Petersburg
Die christliche Dreifaltigkeit ist das Paradigma vollendeten triadischen Denkens im Abendland. Kein anderes Objekt ist bisher gründlicher triadisch erfaßt.

PDF: Mittelalterliche Modelle der Trinität

Die Trinität im Verständnis des NTD
Das NTD sieht in der Dreifaltigkeit ein Komplexitätsmodelle. Entsprechend unterscheidet es Qualitäten, Quantitäten und die Komposition. Elemente, Ebenen und Beziehungen - wie bei jedem triadischen Modell. Während die Trinität in der Auslegung der frühen Christen un der Kirchenväter wesentlich als Komposition behandelt wurde, dann auch die Qualitäten der Trias eine Rolle spielten, führt das NTD die Kategorie Quantität ein. Damit wird es möglich die Verhältnisse zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist - und aller anderen Faktoren einer Trias - quantitativ zu bestimmen. Je nach den Perspektiven der Gläubigen tritt mal mehr Jesus Christus, mal mehr der Vater, mal mehr der Heilige Geist hervor. Immer aber bleiben sie auf einer Ebene.Nach triadischem Verständnis ist eine Komposition das Produkt aus Elementen, Ebenen und Beziehungen. Der Faktor Ebene spielt in der frühchristlichen Diskussion selten eine explizite Rolle, aber er ist erforderlich, um die Unterschiede zwischen dem "Gott des Alls" und den Faktoren der Trias zu verstehen. Alle drei Faktoren liegen auf einer andere Ebene als Gott.

Das NTD übernimmt also Bestimmungen der Dreifaltigkeitstriade, präzisiert sie zu einem Komplexitäts- und Komponentenmodell, verallgemeinert sie und wendet sie auf andere Objekte an. Damit entsteht das Problem, Beziehungen zwischen Triaden zu klären, was dem alten triadischen Denken nicht notwendig war. Es entwickeln sich Regeln der Typisierung und der Klassifikation, die sich z.B. auch in der Triadentrias als Modell einer hierarchischen Verknüpfung von Triaden äußern. Auch der Bereich, den Triaden - nun im Plural - steuern und regeln können, erweitert sich von der Glaubenspraxis zu aller Praxis der Menschen, sozialen Gemeinschaften und Kulturen. Für das NTD steht nicht das Glauben sondern die Praxis als zu programmierendes und zu modellierendes Phänomen im Vordergrund.

Die Bedeutung des dreifaltigen Christentum für die Staatenbildung, die Industrialisierung und die Wissenschaften in Europa kann kaum überschätzt werden.

Das christliche Abendland betet den dreifaltigen Gott und damit eine Triade an. Seine Glaubensbekenntnisse verlangen und erziehen zum triadischen Denken. Das dreifaltige Glaubensbekenntnis mindert die Spannungen zwischen der Kirche und weltlichen pluralistischen Staatsformen. Sie hat das Christentum für die funktional-differenziertem modernen Industrienationen gut anschlußfähig gemacht - und umgekehrt!
Die Beziehungen zwischen dem dreifaltigen Christentum und den europäischen Nationalstaaten mit ihrer funktionalen Zusammenarbeit (und Trennung) von Wirtschaft, Religion, Politik, Wissenschaft u.a., der Gewaltenteilung und pluralistischen Verfassungen ist weit enger, als dies in den vielen Sozial- und Ideengeschichten der Säkularisierung, der Entzauberung und Aufklärung im Gefolge der Renaissance dargestellt wird. Es bedurfte triadischen Denkens, um Kirche (Glauben), Staat (Politik) und Wirtschaft (Geld) zu trennen und den kulturellen Subsystemen eine je eigene Identität und damit auch Existenzberechtigung zu geben. Darin liegt eine Bedeutung der Reformation Luthers. Seine Widersacher schreckten vor der konsequenten Grenzziehung zurück.

Der Glaube an den dreifaltigen Gott verlangt und fördert ein triadisches Wahrnehmen, Denken und Handeln. Und erst diese Form der 'Weltanschauung' ermöglicht den Aufbau jener Sozialstrukturen, die die europäischen Nationalstaaten so einzigartig gemacht haben: Differenzierung und Individualisierung auf der einen Seite und zugleich Integration der Teile unter einem (nationalstaatlichen) Dach. Die politische Gewaltenteilung, die neuzeitliche Wissenschaft mit der Trennung von Daten, Gesetzen und Bewertungen, die Verwaltung (Bürokratie) mit ihrer Trennung von Person, Profession und funktionaler Rolle und manche weitere Triaden beruhen auf triadischen Wahrnehmen, Denken und Handeln.

lexikon, id647, letzte Änderung: 2021-09-23 11:52:46

© 2021 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke