Lexikon des NTD®

Definitionen und Begriffsklärungen

Hier wird das Verständnis wichtiger Begriffe des Neuen Triadischen Denkens erklärt und, wenn nötig, von anderen Definitionen abgegrenzt.

Definitionen sind für das NTD eine heikle Angelegenheit, weil Begriffe nach seinem Verständnis jeweils nur für eine bestimmte Praxis, mindestens einem Praxistyp, dieselbe Geltung beanspruchen können. Die folgenden Definitionen entspringen einer speziellen epistemologischen Praxis und gelten auch dort. Die meisten Begriff behalten in epistemischer Praxis ihren Sinn. Manche Begriffe behalten ihre Gültigkeit auch bei der Anwendung auf anderen Feldern, andere sind sehr speziell. Übertragungen müssen also geprüft werden und ggfs. sind Modifikationen erforderlich. Es ist mit den Definitionen wie mit allen anderen tools: Ohne Anamnese und Diagnose der Anwendungssituation - also der Art der Praxis -, kein sinnvoller Einsatz.
Um die Übersicht zu erleichtern, werden Verlinkungen von Texten in der Tiefe auf 2 Stufen begrenzt: Links aus einem Lemma des Lexikons auf ein anderes - und auf Texte außerhalb des Lexikons, also z.B. auf die Axiomatik - sind möglich. Ebenso kann man von den verlinkten Objekten auf eine weitere Ebene verwiesen werden. Nach dieser 3. Ebene ist Schluß: Die in den Popups eingepflegten Links werden dann zwar angezeigt, sind aber nicht belegt. Will der Leser sie verfolgen, kann er direkt auf die verlinkten Lemma bzw. andere Texte gehen. Diese Einschränkung gilt nicht für die Verlinkung von Modellen.



Vergleichen und Unterscheiden im binären Denken =

Wer vergleicht, wird auch unterscheiden. Aber es gibt viele Formen des Unterscheidens.

Die Prämierung bipolarer Unterscheidungen

Die zweiwertige Logik, die seit der Antike den Lehrplan in Europa bestimmt und sich als Ideal für wissenschaftliche Definitionen in praktisch alle Regionen der Erde ausgebreitet hat, fördert ein Entweder-oder-Entscheiden. Es schafft binäre Oppositionen, zunächst natürlich die Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen. Aber dabei bleibt es nicht. Auch die wahren Aussagen über die Welt werden binär schematisiert. Die politische Welt erscheint als Herrschaft oder als dessen Gegenteil, die Knechtschaft; als Freiheit oder als Unterdrückung. Die Erziehung des Menschen geschieht im Spannungsfeld zwischen Sozialisierung durch die Übernahme vorgefundenen Wissens und Glaubens und Individualisierung, die sich gerade in der Abhebung von sozialen Normen ausdrückt. So sieht es zumindest der Diskurs von Philosophen und Pädagogen im Abendland.
Die empirischen Wissenschaften ordnen ihre Befunde bevorzugt auf Parametern, die durch entgegengesetzte Pole nach dem Muster minus:plus bzw. null:unendlich strukturiert werden. Die Untersuchungsobjekte werden durch ihre spezifische Nähe bzw. Entfernung von den Polen charakterisiert. Diese Strategie finden wir schon in der antiken Elementenlehre und ihren zahlreichen Versionen in den Kulturen der Naturvölker. Sie ordnet die Erscheinungen auf Parametern mit den Polen heiß:kalt, feucht:trocken oder Feuer:Wasser, Erde:Himmel usf. (Dazu gleich mehr.)

Reinhart Koselleck (1923 -2006) hat die Bedeutung und den Wandel dieser asymmetrischen Gegenbegriffe für die Sozial- und Geistesgeschichte bestens dokumentiert. (Zuerst in: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe, in: H. Weinrich (Hg.), Positionen der Negativität, München 1975, 65-104) Überhaupt dürfte seine Rand- und Rangstellung in der Geschichtswissenschaft zu großen Teilen auf seine triadischen Analysen zurückzuführen sein: Drei Arten des Erfahrungsgewinns, das Auf-, Fort- und Umschreiben der Geschichte, triadische Epochenmodelle, drei Typen von Besiegten, um nur einige Triaden aus einem hier einschlägigen Aufsatz (Erfahrungswandel und Methodenwechsel, in. H. E. Bödicker/H. Hinrichs (HG:): Alteuropa Ancien Regime - Frühe Neuzeit, Stuttgart 1991) zu nennen.

Mehr Komplexität läßt sich erreichen, indem man solche Parameter verknüpft. Und dies ist in Form von Tabelle (Matrizen) und Koordinatenkreuzen wohl schon immer geschehen. Alle diese Verknüpfungen heben das Grundprinzip binärer Umweltklassifikation nicht auf. Sie nutzen es weiter und bestärken es damit. Dieses Denken durchzieht unsere Welt mit Parametern, mit geraden Linien, deren Pole es zu bestimmen gilt. Sind sie bekannt, so kann die Verortung der Phänomene beginnen. Die Topologie des (euklidischen) Raumes wird durch Linien und einfache Gegensätze bestimmt. Auch das Subjekt selbst bestimmt sich im Verhältnis zu den anderen in dieser Weise: Der Andere ist größer oder kleiner, dicker oder dünner, für mich oder gegen mich usf. Ähnlich stellte man sich auch die visuelle Wahrnehmung vor.

Auch der ehemals viel zitierte Wissenschaftshistoriker J.D. Bernal folgt dem binären Paradigma: Anstrengender als die Eroberung neuer Horizonte sei die Loslösung von den alten Gewohnheiten! Weshalb bleiben die beiden Aufgaben, Routinen zu verlassen und Ungewohntes zu erproben, nicht gleichberechtigt nebeneinander bestehen? Woher kommt dieses Bedürfnis, eine allgemeinverbindliche Hierarchie zwischen den Aufgaben festzulegen und damit die eine Leistung für alle Personen und Zeiten auf- und die andere abzuwerten? Es geht hier nicht darum, zu wessen Gunsten seine Bewertung ausgefallen ist, sondern um die Figur der hierarchisierenden Argumentation. Die Argumentation Bernals offenbart genau jenen Denkstil, der so typisch für die Industriekultur der vergangenen Jahrhunderte ist. Das Denken wird dazu erzogen, parallele Prozesse zugunsten eines hierarchischen Nacheinanders aufzulösen. Dabei würde man denn gern der Annahme zustimmen, daß es bei jedem Denker und während jeder längeren Wissensschöpfung Phasen gibt, in denen es mal mehr um die Kritik vorhandener Programme und mal mehr um die Neukombination von Daten geht. Zweitens gibt’s es den Drang, die einmal gefunden Hierarchien auf alle Personen, Zeiten, Orte ... zu verallgemeinern. Allaussagen besitzen höheres Prestige als die Feststellungen, die eine konkrete Person in einer bestimmten Situation über eine begrenzte Frage trifft. Es muß schon die ‚ganze Wissenschaft’ sein, die Bernal einer Charakterisierung für Wert hält.

Das zweiwertige Denken bleibt das Ideal im ‚aufgeklärten’ öffentlichen Leben der Industrienationen. Gegenbewegungen begnügen sich zunächst meist mit einer Kritik der Parameter und setzen das Programm fort, indem sie neue Parameter und Oppositionen propagieren. Sie fordern äußerstenfalls auf, die Ambivalenz der Pole zu berücksichtigen. Das gibt dann Anlaß zu allerlei Schwelgen in Paradoxien, z.B.: 'Wo Licht ist, ist auch Schatte!'. Klares binäres Schematisieren. Kritik: Schaut man genau hin, kann man gewahr werden, daß auch in jedem Licht Schatten - von was auch immer (Wolken, Wasserdampf, Luftverschmutzung..) - ist und jeder Schatten noch ein Quentchen Licht verlangt, um von uns als solcher wahrgenommen zu werden. Also gilt: Licht ist immer auch Schatten und Schatten nur Schatten, insofern er auch Licht enthält - oder so ähnlich. Damit werden die Oppositionen dekonstruiert - ohne sie als Prinzip des Denkens in Frage zu stellen. Im Gegenteil, sie werden in einer gewissen Hinsicht verfeinert - und insofern haben die Paradoxien und Dekonstruktionen ihren Verdienst. Nur am Entwickeln alternativer Denkstrategien nehmen sie keinen Anteil. Typischerweise wird selbst der Begriff der ‚Ambivalenz’ so verwendet, als ob es ausschließlich um Doppeldeutigkeit oder eben Zweideutigkeit ginge.

lexikon, id1052, letzte Änderung: 2021-03-25 17:15:55

© 2021 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke