Axiomatik



Die Emergenz der Praxis als System

Die Praxis als Ding und endliche Komposition

Jede Komplexitätsbewältigung berührt auch die Komponenten und ihre Komposition. Jede Komplexitätsreduktion wird die Architektur begrenzen, sie schließen und stabilisieren. Stabil werden die Architekturen der Praxis, wenn die Komponenten und Kompositionsmöglichkeiten quantitativ und qualitativ begrenzt werden. Jede Praxis reduziert die im Prinzip offene Kompositionen einer Praxis auf ein endliches Maß. Sie legt Anzahl und Qualitäten der Subjekte und Objekte fest und grenzt die Funktionen auf einige wenige ein, gibt sich dadurch Ziele, die in begrenzten Zeiten erreicht werden können.

Komplexitätsreduktion bedeutet immer Grenzziehung. Jede Grenzziehung in der Praxis führt - mehr oder weniger erfolgreich - zu Systembildungen. Systeme sind → Dinge mit endlicher Komposition.

Jede Institutionalisierung von Rollen und Programmen dient dieser Stabilisierung. Systembildung erfordert in der Praxis immer eine Begrenzung und damit ein Diskriminieren, ein Entscheiden, was dazu gehört und was nicht.
Die Interaktionszeit wird durch Zielvorgaben als Steuerungsgröße und durch Programme der Regelung begrenzt. Jede Praxis kann als kybernetisches System gestaltet werden. Jede Praxis muß die Prozesse durch Zielvorgaben/Werte steuern und Programme zur Regelung einsetzen. Sie können mehr oder weniger flexibel sein. Systembildung setzt Rückkopplungskreisläufe voraus, die Fehler immer wieder korrigieren können.
Es gilt die Regel: Jede Praxis reduziert und stabilisiert Prozesse, Architekturen und Dinge. Es geht um die Überführung von offenen in endlichen Prozesse, die Schließung von Räumen und die Auswahl von Dingen und die Erzeugung überschaubare Qualitäten. In dem Maße, in dem diese Prozesse Erfolg haben, entstehen Interaktionssysteme. → Systeme sind insoweit stabilisierte endliche Prozesse und Architekturen.

Bildname

Grenzen der Praxis

Jede Praxis steht immer als Ding und Teil des Kosmos in Beziehung zu anderen Dingen in Raum und Zeit. Die Sphäre dieser Vermittlung ist die Umwelt. Jede Praxis schafft sich ihre Umwelt und steht vor dem permanenten Problem, die Beziehung zur Umwelt zu gestalten. Auch hier geht es um Komplexitätsbewältigung: Die Quantität der Umwelten und Beziehungen muß reduziert werden, wenn die Praxis erfolgreich werden soll. Dies geschieht durch Grenzziehungen und die Reduktion der System-Umwelt-Beziehungen. Wie erfolgreich die Anstrengungen in dieser Hinsicht auch immer sein mögen, es bleibt eine offene, unendliche Umwelt.
Jede Praxis setzt Grenzen, jede Begrenzung grenzt aus und erzeugt eine Beziehung zwischen den eigenen endlichen Beständen und der offenen Umwelt.Deshalb: Systeme verknüpfen eine endliche Dynamik und Architektur mit unendlicher Umwelt. Grenzen menschlicher, sozialer und ökologischer Praxissysteme müssen gesichert werden.

  • Jede Grenze hat Grenzübergänge, weil es keine dauerhaft geschlossenen Systeme, in jedem Fall keine abgeschlossenen Praxissysteme gibt. Grenzübergänge ermöglichen den InPut und OutPut, die Zufuhr von Ressourcen und den Abfluß von Leistungen. Sie werden kontrolliert, ansonsten befinden sich die Systeme in der Auflösung - was unvermeidlich irgendwann geschieht. Die Grenzgestaltung und damit die Differenzierung der Praxis von der Umwelt schafft und sichert die Identität jeder Praxis.
  • Grenzen können sich verändern, an Umwelt- oder Systemveränderungen angepaßt werden.
  • Sobald und in dem Maße, in dem die Praxis sich eine endliche Architektur schafft, Grenzen zieht, entsteht die Aufgabe, die Beziehungen zur Umwelt zu gestalten (SUB).
    Grenzgestaltung

Es macht keinen Sinn von Systemen zu reden ohne von Grenzen. Jedes System ist sowohl geschlossen als auch stellenweise offen. Man kann nur etwas öffnen, was geschlossen ist. Der Ruf nach offenen Grenzen ist nur eine Umschreibung des Wunsches nach Abschaffung des Systems. Das kann sinnvoll sein, aber sie gelingt transparenter, wenn genau dies als Ziel formuliert wird.

Dimensionen der Praxissysteme

Jede Praxis führt, wenn sie erfolgreich verläuft, zu einer Begrenzung der Prozesse, der Architekturen und der Umweltbeziehungen. Sind durch die Begrenzungen stabile Zustände erreicht, wird die Praxis zu einem System. Erst passende Systembildung ermöglicht eine funktionierende Praxis.
Als System spricht das NTD eine Praxis an, die eine endliche Architektur, einen geordneten und endlichen Ablauf sowie kontrollierte Beziehungen zur Umwelt hat.
Es gilt das Standardmodell von Praxissystemen (3D(imensionen)-Modell): Dynamik, Architektur, System-Umwelt-Beziehung (SUB) oder in der dynamischen Version: Prozeßgestaltung, Beziehungsgestaltung, Grenzgestaltung.

Dimensionen  der Praxissysteme
Von Praxissystemen spricht das NTD also, wenn die Praxis als mehrdimensionales Objekt aufgefaßt wird, es nicht auf die endliche architektonische - oder wie es meist heißt: die strukturelle - Dimension reduziert wird sondern die Prozeß- und Grenzgestaltung ebenso berücksichtigt wird. Die Festlegung der drei Hauptdimensionen Dynamik, Architektur und SUB im Metamodell von Praxissystemen funktioniert schon einige Jahrzehnte. Die Dimension 'Grenzgestaltung bzw. die System-Umweltbeziehungsdimension' ist in älteren Arbeiten als 'Differenzierungsdimension' bezeichnet. (Vgl. Giesecke 1988/Untersuchung institutioneller Kommunikation und Giesecke/Rappe.Giesecke 1997/Supervision als Medium) Welche Ergänzungen aus anderen Bereichen sinnvoll sind, bleibt eine offene Frage.

Die systemischer Emergenz der Praxis ist immer nur ein Zustand in einem genetischen Prozeß. In systemischen Stadium der Praxis wird der Erhalt der eigenen → Komplexität prämiert.
Für den Triadiker ist es deshalb nur eine Frage der Prämierung, ob er von der 'Praxis' oder vom 'Praxissystem' redet. Wenn es auf Schließung der Abläufe, Komponenten und die Kontrolle der Umweltbeziehungen ankommt, empfiehlt sich das Systemmodell. Die Praxis erscheint dann als Systembildungs- und Auflösungsprozeß.

Ein systemischer Zustand der Praxis hat Voraussetzungen, die in einer Konstitutionsphase, zu schaffen sind. Keine Praxis kann den relativ stabilen Zustand für immer halten und dies ist auch selten gewollt. Deshalb kann der Triadiker auch immer eine Auflösungsphase beobachten und gestalten.

Systemische Zustände sind immer nur eine (Durchgangs)Phase der Praxis.

Das NTD schlägt vor, grundsätzlich drei Phasen, Systemkonstitution, Funktionserfüllung und Auflösung des Systems anzunehmen und diese zu gestalten. Diese Prozesse lassen sich immer auch als Komplexitätsbewältigung verstehen.

Die Systembildung ist ein riskanter Prozeß, der häufig mißlingt und eigentlich immer hier und dort unvollständig bleibt. Und so bleiben die jeweils angestrebten Systemmodelle Ideale. Nur wenn alles gut läuft kommt es zur Gestaltschließung und zur Ausbildung von Praxissystemen, die für eine begrenzte Zeit stabil bleiben.

Nicht ein System, auch nicht das Praxissystem, ist die Zelle der triadischen Praxeologie - und des NTD - sondern die Praxis als immerwährender Prozeß. Nur phasenweise nimmt die Praxis systemische Existenz an. Während alle Systemtheorien die Schwierigkeit haben, Systembildungen und -auflösungen zu modellieren, kann die triadische Praxeologie erklären, wie es zu den Systemen kommt. Die TriPrax ist keine Systemtheorie sondern sie hat eine Systemtheorie - als subalterne Theorie.
axiomatik, id103, letzte Änderung: 2021-10-18 18:18:25

© 2021 Prof. Dr. phil. habil. Michael Giesecke